Talk with Laura Wahl

Women Peace Talk Laura Wahl

Herzlich willkommen zum dritten Women Peace Talk mit der Abgeordneten für Bündnis 90 die Grünen im Thüringer Landtag Laura Wahl. Heute Abend wird es um Geschlechtergleichberechtigung in der Politik gehen und um Lauras Weg in die Politik und ihre Arbeit. Laura ist in Lörrach im Südwesten in Baden-Württemberg geboren und hat internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften im Bachelor studiert an der Universität Erfurt und war dann bis 2019 im Masterstudium in Jena und hat da Volkswirtschaftslehre, also Economics, studiert. Während des Studiums hat sie sich schon im Gleichstellungsbeirat der Uni Erfurt engagiert und auch bei der Grünen Jugend als Landessprecherin und nach dem Studium hat sie für circa 3 Monate als persönliche Referentin im Thüringer Ministerium für Migration, Justiz und Verbraucherschutz in Erfurt gearbeitet. Seit 2019 ist sie außerdem Erfurter Stadträtin, auch für Fraktion Bündnis 90 die Grünen und seit 2020 ist sie Abgeordnete im Thüringer Landtag geworden mit 25 Jahren. Dort ist sie Sprecherin für Verkehr, Umwelt, Energie, Naturschutz, Frauen, Gleichstellungs- und Queerpolitik sowie für den Verfassungsausschuss für die Grünen. Seit 2021 ist sie außerdem Vorsitzende des Aufsichtsrats der Erfurter Verkehrsbetriebe EVAG.

Laura, erzähle doch mal, wie dein Werdegang begonnen hat.

Ja vielen Dank für die Einladung. Wenn ich immer so ein bisschen zurückdenke, wo kam eigentlich so die Grundpolitisierung bei mir her, würde ich tatsächlich sagen, es hat so ein bisschen mit dem Geolino zu tun. Ich weiß nicht, ob ihr das Geolino kennt, die Zeitschrift. Als ich acht Jahre alt war, lag das einmal unter meinem Weihnachtsbaum und ich war total enttäuscht, weil ich damals überhaupt nicht verstanden habe, was ist so eine Zeitschrift, was ist ein Abo und dachte, ich kriege jetzt nur einmal so eine blöde Zeitschrift und habe die dann aber regelmäßig bekommen. Ich würde im Nachgang auf jeden Fall sagen, dass die Zeitschrift mega geholfen hat, das auch als Kind zu erkennen. Da gibt es ja immer so Zeiten mit Unicef gemeinsam über Kinder in Uganda, die einen langen Schulweg haben oder woanders, wo es kein frisches Wasser gibt. Da war schon zu erkennen, dass man hier in Deutschland eine mega privilegierte Kindheit hat. Tatsächlich habe ich mal in der Grünen Jugend eine Umfrage gemacht und es haben erstaunlich viele Geolino gelesen. Vielleicht ist die Zeitschrift, die sich viel mit Umweltthemen beschäftigt, auf jeden Fall ein guter erster Schritt gewesen, aus dem Menschen anfangen sich mit der Welt zu beschäftigen.

Woher kam dann die Entscheidung, dich politisch zu engagieren?

Die kam eigentlich, als ich mein freiwilliges soziales Jahr in Polen gemacht habe. Dort habe ich abends auch immer viel Nachrichten gehört. Damals gab es noch die schwarz-gelbe Regierung in Deutschland und da habe ich einfach gemerkt, dass es mich sehr, sehr genervt hat, was diese schwarz-gelbe Regierung gemacht hat. Und ich dachte mir dann, das bringt ja nichts, sich aufzuregen oder zu meckern. So kam der Beschluss: wenn ich zurück nach Deutschland komme, will ich einer Partei beitreten. Ich habe mir daraufhin die Parteien des linken Spektrums in Deutschland angeschaut und im Endeffekt folgte für mich die Entscheidung, bei Bündnis 90/Die Grünen Mitglied zu werden. Einerseits wegen des ökologischen und des Klimaaspekts, aber auch, weil sich Bündnis 90/Die Grünen einfach ganz klar immer schon als eine feministische Partei versteht und es für mich damals bereits ein wichtiger Aspekt war. Ich bin dann, als ich 2014 zum Studium nach Erfurt kam, beigetreten. Ich wusste zu der Zeit gar nicht, dass es eine Grüne Jugend gibt und habe das tatsächlich nur per Zufall von einer Kommilitonin erfahren, die irgendwie zweimal dagewesen ist und nie wieder kam, aber mich zur Grünen Jugend gebracht hat. Ich bin auch nach wie vor der Überzeugung, dass diese politischen Jugendverbände ganz wichtige Arbeit leisten.

Kannst du Beispiele nennen?

Es gibt ja die Jusos, die Junge Union, Linksjugend Solid, also alle Parteien haben das und ich muss sagen, ich finde die Jugendverbände machen einfach viel bessere Bildungsarbeit. Denn wer mal bei der Grünen Jugend aktiv war, weiß, die haben einfach ein stabiles, queer-feministisches Verständnis, die setzen sich mit ökonomischer Analyse auseinander im Rahmen von Workshops und das ist was, was ich bei Parteien tatsächlich immer wieder auch ein bisschen vermisse. Wir haben jetzt zum Beispiel als Grüne in den letzten 2-3 Jahren viele Neumitglieder bekommen und es kommen natürlich auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die auch mal das Frauenstatut oder so in Frage stellen, was ja okay ist, denn wenn du dich nicht damit beschäftigt hast, dann ist das vielleicht nicht direkt verständlich. Aber was die Grüne Jugend gut macht, sind Bildungsarbeit, Workshops und man setzt sich wirklich kritisch mit der Gesellschaft auseinander. Und das Schöne ist auch, dass die Grüne Jugend eben mehr Aktionen macht, Demos und so weiter. Das sind einfach Punkte, da hat man als junger Mensch auch mehr Bock, aktiv zu sein, als in so typischen Parteigremien, wo du dich dreimal im Monat oder im Jahr oder whatever triffst und nur laberst.

Wie war das bei dir so? Wo hast du angefangen?

Bei mir war es tatsächlich so, dass ich dann erst in der Grünen Jugend Erfurt aktiv war. Und als es dort zu einer Vorstandswahl kam und keine Frau da war, haben sie mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Dann wurde ich auf diesem Wege Sprecherin der Grünen Jugend Erfurt und ein Jahr später war es dasselbe auf Thüringer Ebene, dass auch die Grüne Jugend Thüringen ihre SprecherInnen neu gewählt hat. Auf der Landesversammlung waren wir tatsächlich genau drei Frauen und 16 junge Männer und es gab nicht viel Auswahl - auch darüber bin ich dann sozusagen Sprecherin der Grünen Jugend geworden. Ich würde aber nach wie vor sagen, ich halte die Frauenquote für super notwendig. Bündnis 90 die Grünen hat ja die Quote, damit alle Ämter mindestens zur Hälfte mit Frauen besetzt sein müssen, bei Listen immer auch dieselbe Quotierung, und ich halte es nach wie vor für super notwendig. Sonst bestünde auch immer noch kein ausgeglichenes Verhältnis, selbst in einer feministischen Partei wie den Grünen würde ich behaupten, denn du siehst einfach immer wieder, also bei mir war es so: ich wäre nicht von allein auf die Idee gekommen, für die Sprecherin der Grünen Jugend Erfurt zu kandidieren. Diesen Gedanken habe ich einfach nicht, aber bei der Grünen Jugend im Bundesvorstand zum Beispiel, den wählen wir alle zwei Jahre neu. Wenn du Bundessprecherin der Grünen Jugend bist, dann ist es schon echt ein Engagement, was du erstens irgendwie von morgens bis abends rund um die Uhr machst, wo du auch mit Hauptstadtpresse reden musst, wo dich die Tagesschau möglicherweise auch mal interviewt und das ist einfach ein Job, für den musst du Erfahrung mitbringen. Es ist einfach jedes Mal so, wenn der Bundesvorstand der Grünen Jugend gewählt wird, dass es mindestens irgendwie fünf junge Männer zwischen 16 und 19 gibt, die ein halbes Jahr bei der Grünen Jugend aktiv sind und sagen, ich will Bundesvorsitzender werden. Das machen nie junge Frauen, also das ist echt so ein Unterschied, wie wir sozialisiert sind, allein wie man sich das vorstellen kann.

Wie lange warst du dann Landessprecherin der Grünen Jugend?

Ich habe das drei Jahre lang gemacht und im Endeffekt auch ziemlich gut, so wurde mir das gespiegelt, ich konnte den Verband ganz gut voranbringen. Das hat zum Beispiel auch dazu geführt, dass wir mittlerweile auch in der Grünen Jugend ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis haben, was uns natürlich sehr wichtig ist. Ich habe aber auch gemerkt, selbst wenn mir das großen Spaß gemacht hat, den Verband Grüne Jugend Thüringen mit 300 Mitgliedern zu führen - du machst dann das übliche wie Veranstaltungen organisieren, Demos, Pressemitteilungen schreiben - muss ich sagen, dass mir irgendwann später wieder einfiel, und das hatte ich lange ausgeblendet, dass es auch zu Beginn Abende gab, an denen ich geweint habe, weil ich so überfordert mit der Situation gewesen bin. Ich bin zwar ein zäher Mensch und ich kämpfe mich durch solche Situationen und heute bin ich irgendwie selbstsicher und weiß, wie so Dinge gehen. Aber auch das ist was, glaube ich, was man nicht unterschätzen darf, dass Frauen nach wie vor häufig selbstkritischer sind und ich das auch in der politischen Sphäre erlebe, dass Männer anders sind und sagen: „ich kann das und ich mache das!“ und nicht solche Zweifel haben, unabhängig davon, wie gut man es dann eben am Ende wirklich macht. Also ich habe dann sozusagen drei Jahre das gemacht und anschließend kam 2019 in greifbare Nähe, wo auch wieder die Landtagswahl anstand und da war dann für uns die Frage, ob wir auch junge KandidatInnen im Parlament haben wollen. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich mir vorstellen kann, das, was ich die ganze Zeit auch schon ehrenamtlich gemacht habe, praktisch auch im Vollberuf zu machen und habe das für mich ja entschieden.

Man sagt ja immer, Berufserfahrung ist super wichtig. Wie ist das aber, wenn man mit Mitte 20 plötzlich Abgeordnete ist?

Ich finde es super wichtig, dass auch junge Menschen und junge Perspektiven im Bundestag oder im Landtag vertreten sind. Wir haben das ja auch bei Corona zum Beispiel wieder erlebt, dass auch die Perspektiven von Studierenden super schnell unter den Tisch gefallen sind. Aber sehr häufig kommt natürlich der Vorwurf, man hätte keine Berufserfahrung und könne die nicht vorweisen. Aber ich finde, also erstens ist es logisch, dass junge Menschen mit 23 noch nicht viel Berufserfahrung haben. Gleichzeitig denke ich mir so, wir sind ja fünf Abgeordnete im Landtag. Das heißt, ich bin für ganz viele Themen zuständig. Selbst wenn ich jetzt in einem dieser Themen super viel Berufserfahrung hätte, wenn ich jetzt Straßenbahnfahrerin oder so gewesen wäre, dann würde ich im Bereich Energiepolitik trotzdem kein Ingenieurstudium vorweisen können und im Bereich Frauenpolitik, wenn es um das Thema häusliche Gewalt geht, würde ich auch keine Sozialarbeiterin sein. Deswegen halte ich es für viel, viel wichtiger, als dass man eine lange Berufserfahrung in einem Bereich vorweisen kann, dass man wirklich gewillt ist, sich in die Themen einzuarbeiten und dranzubleiben. Wir haben natürlich auch ReferentInnen in der Fraktion, die uns zuarbeiten und SpezialistInnen in ihren Gebieten sind. Bei uns ist das so, dass die Parteien jeweils eine Landesliste aufstellen. Bei uns, wie gesagt, Platz 1, 3, 5, 7, also die Ungeraden sind immer mit Frauen besetzt und die Geraden sind offene Plätze, die eigentlich auch gern von Männern dann ein bisschen als Männerplätze gesehen werden, aber im Statut eben offen für alle Geschlechter. Und ich habe dann tatsächlich auch auf Platz 6 kandidiert, weil ich dort die besten Chancen hatte, weil da ein Abgeordneter war, der aber wenig gemacht hat, muss man leider sagen, und ein Staatssekretär, der schon 1990 im Landtag war, den dann irgendwie alle lang genug gesehen hatten. Und da konnte ich mich tatsächlich gegen die zwei Männer durchsetzen, da bin ich auch ein bisschen stolz drauf. Was tatsächlich zur Folge hat, dass wir jetzt in der Fraktion vier Frauen und ein Mann sind. Also wir haben eine Frauenquote von 80 Prozent. Ich glaube, das ist wahrscheinlich einzigartig in Deutschland.

Wahnsinn! Wie ging dein Weg dann weiter?

2019 habe ich dann noch für die Kommunalwahl, also für den Erfurter Stadtrat kandidiert und bin da auch reingekommen. Im Endeffekt war es ja so, dass wir dann bei der Landtagswahl leider nur 5,2 Prozent hatten. Das bedeutet, dass wir auch nur fünf Abgeordnete haben, und dadurch war ich erst mal nicht drin, was schon erst mal doof war, weil ich mich innerlich wirklich sehr darauf eingestellt hatte und man so ein bisschen vorm Nichts steht. Ich dachte dann aber eigentlich, okay, jetzt habe ich mal ein bisschen Zeit bis Weihnachten, kann mal Bücher lesen, mal nichts tun, das macht man ja nicht so häufig. Und dann gab es ziemlich schnell das Angebot, dass ich auch im Ministerium für Migration und Justiz eine Elternzeitvertretung machen kann für drei Monate. Ich bin auch wirklich total dankbar dafür, weil es super spannend ist, mal in so ein Ministerium reinzuschauen und wie die funktionieren. Ich hatte davor mal als Werkstudentin bei der Deutschen Bahn, bei der DB Systel gearbeitet. Das ist das IT-Unternehmen der Deutschen Bahn. Die haben gerade vor einigen Jahren so einen Prozess gemacht, alles auf agiles Arbeiten umzustellen. Also sie haben dort wirklich ihre Hierarchie-Ebenen abgeschafft, haben alles in Teams organisiert und das ist ein komplett moderner Prozess. Wenn du dann in so ein Ministerium reinkommst, da läuft wirklich immer noch alles komplett hierarchisch, auch wenn die dort meinten, in den letzten fünf Jahren unter dem Grünen Minister wäre es schon viel, viel lockerer geworden im Vergleich zum CDU-Minister. Ich fand trotzdem, also es sind halt wirklich so Wege, wie: der Abteilungsleiter ist beleidigt, wenn du direkt den Sacharbeiter ansprichst, der eigentlich Ahnung in der Sache hat. Und es sind Prozesse, die machen Verwaltungen echt super langsam. Das ist auch gerade ein Thema, was wir viel diskutieren. Die Herausforderung der modernen Zeit ist diese versäulte Verwaltung, wo jeder sein Fachgebiet hat und überall Experten hat, aber nicht irgendwie mit anderen Fachgebieten zusammenarbeitet. Also dass alles so vernetzt ist, das funktioniert glaube ich nicht. Da müssen wir auch neue Wege für Verwaltungen finden, um so Prozesse wie Digitalisierung gut bewältigen zu können. Und tatsächlich funktioniert Digitalisierung in den meisten Verwaltungen ja auch einfach gar nicht, muss man zugeben. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass Verwaltung einfach ein Ding ist, was sich seit 1800, keine Ahnung was, in Deutschland aufgebaut hat und auch nicht so wirklich mit der Zeit gegangen ist. Also einen wirklich radikalen Prozess mal zu machen, wie bei der DB Systel, fände ich sehr, sehr spannend.

Wie bist du dann zur Abgeordneten geworden?

Dann kam diese ganze Kemmerich Sache, ich glaube, die habt ihr mitbekommen und im Nachgang hat sich dann Rot-Rot-Grün wieder als Minderheitsregierung formiert. Wodurch dann auch zwei unserer MinisterInnen, damals noch Anja Siegesmund und Dirk Adams, von Abgeordneten eben zu Ministern geworden sind. Da sind zwei Abgeordnete nachgerutscht und seit März 2020 war ich da noch Abgeordnete und eben für die Themen Mobilität, den ganzen Umweltausschuss, also Umwelt, Energie, Klima, Naturschutz, Frauengleichstellung und Queer-Politik und den Verfassungsausschuss zuständig. Und da wir fünf Abgeordnete sind, haben wir tatsächlich alle sehr viele Themen. Das ist immer sehr, sehr lustig, wenn man dann mit einem Baden-Württemberger-Grünen spricht, der Sprecher für Rat Politik ist. Ja schön, Rat Politik, ich habe noch alle anderen Mobilitätsthemen und weitere, aber ja, es hat Vor- und Nachteile. Ich glaube, PolitikerInnen, auch im Bundestag, die ein Gebiet haben, die können sich sehr, sehr tief reinfuchsen. Wir haben dafür sehr unterschiedliche Themen, was natürlich auch spannend ist und Spaß macht, da in verschiedenen Bereichen was vorantreiben zu können.

Du hast angesprochen, dass Männer in der Politik oft viel selbstbewusster agieren als Frauen, nicht immer berechtigt. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Also da fällt mir schon immer wieder auf, dass auch im Landtag, wenn Plenum ist, da habe ich tatsächlich das Gefühl, Männer können viel mehr Blödsinn labern und werden trotzdem erstmal grundsätzlich ernst genommen. Also wenn ich mir immer anschaue, mit welcher Inbrunst Kemmerich über Energiepolitik aus den 1980ern spricht, wo die Wissenschaft auch ganz andere Sachen sagt, dann bin ich da echt immer ein bisschen überrascht. Wo ich irgendwie, gerade als junge Frau, schon einfach das Gefühl habe, es wird tatsächlich unterschiedlich gewertet, ob du das als weißer Mann sagst und dann ist es erstmal irgendwie überzeugend oder ob du es halt als junge Frau sagst. Und tatsächlich ist es im Landtag auch teilweise so, dass auch im Plenum die Lautstärkepegel sehr, sehr unterschiedlich sind. Also dass es teilweise schon spürbar ist, wenn Frauen reden. Es ist viel lauter, da entweder Menschen mehr reden oder wenn du ein bisschen etwas Linkes oder ein bisschen was Radikales sagst, dann sind gerade CDU-Herren auch sehr schnell wirklich auf Zinne und rufen richtig viel rein. Aber ich kann damit auch gut umgehen. Man muss einfach ein bisschen Spaß haben, sich mit denen zu streiten und darf sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Was mir natürlich auch immer wieder auffällt und das finde ich so ein bisschen lustig, ist, wenn ich Reden halte und ich sage eigentlich nur “wir Grüne in Thüringen, wir wollen den ÖPNV (Öffentlichen Personennahverkehr) stärken und dass alle gute Bus- und Bahnverbindungen haben und Radwege bauen”, dass meine geliebte CDU-Kollegin hört: „Laura Wahl will wieder Autos verbieten.“ Das habe ich nie gesagt, aber irgendwie ist da ihr Mindset schon so vorgefertigt. Und vielleicht noch ein letzter Aspekt, was natürlich schon auch immer noch ein Unterschied ist, ist das Thema Kinderkriegen. Vielleicht habt ihr das mitbekommen, bei meiner Kollegin Madeleine Henfling, als die vor fünf Jahren schwanger war, das ging dann auch ein bisschen durch die Presse, weil sie ihren sechs Monate alten Säugling im Plenarsaal dabeihatte. Also sie ist wirklich nur für die Abstimmung reingekommen. Damals war es so, dass Rot-Rot-Grün eben eine Einstimmenmehrheit hatte. Das heißt, es war jeder Abgeordnete immer wichtig, um eine Mehrheit zu haben. Und deswegen ist sie für eine Abstimmung, die dann eben anstand, kurz reingegangen, war sonst auch in ihrem Zimmer mit dem Kind. Und der Präsident hat sie dann wegen Kindeswohlgefährdung aus dem Plenarsaal geschmissen. Im Endeffekt gab es einen Riesenaufschrei und auch viel Verteidigung. Und er ist dann auch irgendwann zurückgetreten, ich glaube auch mit wegen der Sache. Eine andere Kollegin in Weimar im Stadtrat, die hatte auch mal im Kinderwagen das Baby mit dabei. Natürlich musst du schauen, dass es nicht super laut ist oder das jetzt schwierig ist. Aber grundsätzlich, wenn es halbwegs gesittete Zustände sind, haben ja da Eltern auch ihr Kind im Blick. Und auch die hat danach zum Beispiel einfach, weil sie das Kind im Kinderwagen dabei hatte, eine Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung bekommen. Und das ist dann auch so, dass das Jugendamt einfach immer kommen und das zumindest einmal überprüfen und dem nachgehen muss.

Das sieht bei Männern, die ihr Kind mitbringen bestimmt anders aus, oder?

Ganz genau. Wenn einmal ein Mann ein Kind im Ausschuss hat, das ja sehr schnell immer sehr viel positive Referenz bekommt. Man muss wissen, dass Abgeordnete tatsächlich auch keine Elternzeit haben. Also Madeleine Henfling war damals wirklich bis wahrscheinlich zum achten Monat noch auf Veranstaltungen unterwegs und dann kurz danach auch schon wieder gearbeitet, weil uns ja auch keiner vertreten kann. Das ist so ein Thema. Gleichzeitig hast du natürlich auch den Vorteil, du kannst ja selbst deine Arbeit einrichten und du bist auch finanziell genug abgesichert. Deswegen ist es jetzt nicht das große Ding, aber es ist schon einfach noch ein Unterschied, wie irgendwie mit Kindern umgegangen wird. Neulich hatte allerdings mein SPD-Kollege im Umweltausschuss die vierjährige Tochter dabei und die hat so ein bisschen gespielt und es hat einfach niemanden gestört und es war ganz normal. Es war sehr schön zu sehen, dass sich da so ein bisschen, glaube ich schon, ein Kulturwandel eingestellt hat. Zumindest an der Stelle sind irgendwie alle sehr entspannt mit der Situation umgegangen, dass auch ein Kind nebenher gespielt hat.

Das ist doch schön zu hören. Aber welche Dinge, bei dir persönlich, funktionieren nicht so wie du dir das wünschen würdest?

Ich habe immer so zwei Hauptgegner - das bitte mit einem Augenzwinkern sehen - nämlich einmal mein E-Mail-Konto und dann Hunger abkönnen. Zum Thema E-Mail-Konto ist es tatsächlich so, dass ich im Schnitt sicher 30 bis 50 E-Mails pro Tag bekomme. Das sind einfach teilweise Pressemitteilungen, die dann von der Pressestelle weitergeleitet werden. Wenn jemand von der SPD oder von der CDU was zu meinem Fachgebiet sagt, wo du natürlich schon versuchst mitzuschneiden, was sind gerade deren Forderungen. Irgendwelche Verteiler von Verbänden, teilweise schreiben einen natürlich auch BürgerInnen an. Es ist halt einfach so, wenn du dann mal Tage hast, wo der Terminkalender voll ist und du nicht eine Stunde hast, diese E-Mails abzuarbeiten, dann explodiert es immer sehr schnell und du hast irgendwie wieder 130 ungelesene Mails. Und das ist so ein Dauerkampf, da einfach hinterher zu bleiben. Und auch das Thema Sitzungszeiten. Also der Stadtrat beginnt häufig um 17 Uhr und ich habe immer wieder so blöde Abendveranstaltungen, wo ich mal wieder nicht zum Abendessen gekommen bin und echt einfach mega hungrig bin. Man könnte sich wahrscheinlich noch ein bisschen besser sortieren und dann hätte man auch einfach Brote mit dabei. Ansonsten ist, glaube ich, echt das Wichtigste, dass man Prioritäten setzt und sich darauf fokussiert, welche Ziele man im Blick behalten möchte, weil es natürlich ganz, ganz viele Themen gibt und es gibt einfach auch super viele Probleme, die angegangen werden müssen. Deswegen ist das für mich schon eine Herausforderung, dass ich mich einfach auf meine Themen fokussiere, dass es eben gute Radwege gibt, dass es gute Bus- und Bahnverbindungen in Thüringen gibt. Aber man kann sich dann leider auch nicht irgendwie in jede Debatte immer einmischen, weil sonst würde man sich einfach auch komplett verzetteln.

Thema Fokus und Priorisierungen in der Politik: was ist deine Meinung dazu?

Das finde ich immer wieder spannend und ich glaube, wovon man sich loslösen muss, sind so die Erwartungen an PolitikerInnen, weil ich die teilweise auch einfach als sehr widersprüchlich wahrnehme. Es war tatsächlich zu Beginn so, dass ich mir vorgenommen habe, wenn ich mal was nicht weiß, zum Beispiel in einem Interview einfach auch zu sagen: „Okay, das weiß ich jetzt nicht“. Du machst es aber tatsächlich irgendwie zwei, dreimal und dann versuchst du doch eine Antwort zu finden, weil wenn du häufig sagst: „ich weiß es nicht“, auch wenn es nicht dein Fachgebiet ist, wirkt es irgendwann so, als würdest du nichts wissen. Und das ist, glaube ich, auch so ein Grund, den man nicht gut finden muss, aber vielleicht auch verstehen muss, warum es dann teilweise passiert, dass PolitikerInnen in einem Interview mit der Tagesschau einfach super larifari Antworten geben, weil das vielleicht gerade eine Frage ist, mit der sie nicht gerechnet haben, auf die sie nicht vorbereitet sind. Und teilweise auch so die schwierigsten Foren. Da zum Beispiel habe ich Riesenrespekt, wenn ein Bundeskanzler in einem Wahlkampfforum ist, können BürgerInnen dir ja wirklich zu jedem Thema Fragen stellen. Und da muss man, glaube ich, manchmal so ein bisschen auch Verständnis haben, dass auch PolitikerInnen einfach nicht allwissende Menschen sind, sondern auch nur 24 Stunden haben, in denen sie sich in Themen einlesen müssen und dann bei manchen Dingen auch einfach mal einen Blackout haben und es gerade nicht wissen. Grundsätzlich merke ich natürlich sehr, so in den ersten paar Monaten waren super viele Informationen und jetzt nach drei Jahren hast du auch die meisten Themen irgendwie mal angeschaut, zum Beispiel vor Ort die Solaranlage und mit allen Verbänden gesprochen, dann ist man einfach auch in den Themen drin und kommt da viel besser rein.

Ein Schlusswort von dir?

Ich würde abschließend sagen, das Wichtigste ist, finde ich, dass man wirklich klar im Blick behält: „was will ich verändern?“ Sich auch den Anspruch bewahrt, was wirklich verändern zu wollen und dieses Privileg, was man da hat im Landtag zu sein und wirklich Dinge mitentscheiden zu können, auch nutzt sowie sich die Motivation aufrecht erhält und auch bei einem Wochenpensum von meistens locker 60 Stunden zu sagen: „Ja, ich nutze die Chance und bringe was für Klimagerechtigkeit und Mobilität voran.“ Das ist zumindest mein Anspruch. Ich denke, das gelingt mal besser, mal schlechter, aber es macht auf jeden Fall noch Spaß und Freude und deswegen habe ich tatsächlich vor, auch nächstes Jahr wieder zu kandidieren und würde mich freuen, wenn meine Partei mich da aufstellt. Da muss man halt immer schauen, aber ich glaube, was ich so an Feedback bekomme, habe ich das bisher ganz okay gemacht und hoffe, dass ich es daher auch weitermachen kann. Wir werden es sehen. Oh, jetzt habe ich doch richtig lang gesprochen. Das ist auch so ein Ding. Zu Beginn denkt man sich, ich möchte nie so eine Laber-Politikerin werden und irgendwann kommt man so rein, dass man halt einfach ständig redet und irgendwann viel zu lange Sätze bildet. Aber jetzt Zeit für eure Fragen.

Wir könnten uns vielleicht darüber unterhalten, wie es dann ist, wenn man mit Kindern Politik macht. Das ist einfach ganz normal. Man hat die Kinder nun mal dabei. Das sollte eher, glaube ich, hochgehalten werden. Und sich da Sorge um das Kindeswohl machen, denn so schnell sind Kinder auch nicht gestresst. Ja, und dass das dann vielleicht auch ein bisschen weit hergeholt ist, da solche Anschuldigungen zu stellen, ist dann vielleicht einfach dem geschuldet, dass der Mann halt sieht, dass die Frau auf allen Ebenen funktioniert.

Ja, man denkt ja, das sollte normal sein. Aber es gab jetzt auch wieder zwei Vorfälle mit einer Grünen-Politikerin aus München, die schon während Corona irgendwie ihren Säugling gestillt hat. Und dann hat ihr Mann zufällig ein Bild davon gemacht. Und sie hatte das gepostet. Das hat Riesenaufruhr gemacht. Und auch letzte Woche eine Bundestagsabgeordnete. Es gibt ja diesen Hammelsprung. Da müssen dann alle Abgeordneten nochmal kommen. Und dann hat sie halt nur einen Tweet gemacht, wie: „Okay, wir ändern unseren Plan nochmal, gehen nicht zum Spielplatz, sondern kurz dahin.“ Und auch da, ich glaube, man muss da auch einfach mit im Kopf haben, das sind auch vielfach irgendwie rechte Akteure, die natürlich Frauen nach wie vor irgendwie nicht an entscheidenden Machtpositionen sehen wollen. Aber es ist wirklich traurig, dass auch so kleine Dinge einfach nach wie vor nicht selbstverständlich sind. Weil die würden es, glaube ich, zumindest ein Stückchen einfacher machen. Politik und allgemein, das betrifft ja, muss man ganz ehrlich sagen, eigentlich fast alle AngestelltInnen und ArbeiterInnen, dass man da noch versuchen muss, die Vereinbarkeit von Familie und Job viel weiter zu erhöhen.

Ich habe mich gefragt, als du das erzählt hast mit dem SPD-Kollegen, der hatte sein Kind im Ausschuss. Und dann habe ich mich gefragt, du hast erst erzählt, dass wenn die Frau das Kind dabeihatte, war es ganz schlimm. Und dann wegen Kindeswohlgefährdung musste die Person, also ja, war halt ein Riesenskandal. Und dann ist ein Mann im Ausschuss und hat sein Kind dabei und da ist es dann okay. Ist das nicht auch eine Form von Ungleichheit oder Ungerechtigkeit?

Also ich glaube, die beiden Vorfälle, die fanden jetzt in einem unterschiedlichen Zeitraum von fünf Jahren statt. Also das eher neulich, das war auch ein Ausschuss. Da meinte eine Kollegin, da wäre es schon immer entspannter gewesen, weil es nicht öffentlich ist - leider, wir würden die gerne öffentlich machen - und das sozusagen dann ein kleineres Setting ist. Aber es ist, glaube ich, schon eine Ungleichbehandlung, weil ein grüner Abgeordneter hatte auch irgendwann mal im Bundestag gepostet, wie er sein Kind oder Sohn auf dem Schoß hatte und hat dafür einfach viel Lob bekommen. Wo sich wahrscheinlich alle Mütter so gedacht haben: „Ja, schon wieder mal ein Vater, der irgendwie zwei Monate Elternzeit nimmt und sich wie der Held der Welt fühlt.“ Ich glaube, das ist in allen Bereichen halt einfach nach wie vor echt ein langer Schritt. Ich glaube alle, die sich FeministInnen nennen, wissen, dass es noch ein weiter Kampf ist. Das macht mir Sorgen, wenn man sich auch die Entwicklung in den USA anschaut. Und in anderen Ländern sieht man die Frauenrechte, die irgendwie viele Generationen auch vor uns schon erkämpft haben, die können so schnell wieder weg sein. Also da müssen wir uns nichts vormachen, dass AfD und andere rechte Akteure da eben nicht sehen wollen, dass Frauen das gut hinbekommen oder überhaupt was anderes machen, außer Kinder gebären und Kinder großziehen.

Du hattest vorhin von der Frauenquote geredet und dass du da großer Fan von bist oder dass du findest, das ist sehr wichtig. Und du hattest aber davor gesagt, dass du teilweise die einzige Frau warst. Gibt es denn überhaupt genügend Frauen, um diese Quote zu erfüllen. Oder bewerben sich überhaupt genügend Frauen?

Also das reflektieren wir auch immer wieder kritisch, weil ich sagen würde, das ist schlecht, wenn es nur wenige gibt und auf die wird dann sozusagen Druck ausgeübt. Weil in kleineren Kreisverbänden haben wir das nach wie vor, gerade im ländlichen Raum, dann gibt es ja eh nur zwölf Aktive. Und dann sind die Frauenplätze immer schwierig zu besetzen. Deswegen ist schon auch unser Anspruch, und ich finde insbesondere die Grüne Jugend macht es gut, eben auch in Form von Empowerment, Workshops, Frauentreffen, Frauen selbst zu ermutigen und zu empowern, dass sie sich von sich aus bewerben wollen. Und dass man im besten Fall eben auch irgendwie mehrere BewerberInnen haben, die das machen wollen. Aber ich glaube, die Frauenquote ist notwendig, weil man erst dadurch merkt: „oh, da gibt es gerade wieder, aus welchen Gründen auch immer, keine Frau, die für den Vorstand kandidieren will.“ Und sonst würde man da sehr, sehr schnell einfach die ganze Zeit einfach Männer hinsetzen. Und man merkt gar nicht, dass da an vielen Stellen keine Frauen sind. Ich nehme das bei eigentlich fast jedem Verein wahr. Weil zum Beispiel Bürgerenergiegenossenschaften, ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club), auch sehr viele gesellschaftlich progressive Vereine, wenn man sich das anschaut, wenn die keinen Frauenstatut haben, dann sind es halt häufig Männer im Vorstand. Das hat natürlich ganz viele Gründe. Der eine Grund ist, dass Frauen nach wie vor einfach statistisch gesehen weniger Zeit für solches Engagement zur Verfügung haben, weil sie zum Beispiel immer noch mehr Care-Arbeit leisten. Also für die Elternpflege oder Kinderpflege. Und es sind aber auch durchaus, würde ich sagen, so kleine Sozialisierungsdinge, wie, was ich vorher bei mir beschrieben hatte, dass ich gar nie auf die Idee gekommen wäre, dass da irgendwie nicht so dieser Machttrieb herrscht, zu sagen: „ich muss jetzt hier diesen Vorstand anführen“. Rot-Rot-Grün hat ja damals auch ein Paritätsgesetz eingeführt, was eigentlich zum Ziel hatte, dass alle Listen bei allen Parteien abwechselnd besetzt sein müssen. Mit dem Ziel, dass im Endeffekt auch das Parlament pari-pari besetzt ist, denn es gibt kein Parlament in Deutschland, wo eben Frauen zur Hälfte beteiligt sind, aber Frauen machen halt die Hälfte der Gesellschaft aus. Und wenn wir das alles mit Empowerment und, keine Ahnung, bisschen Geld oder was weiß ich was, lösen wollen, dann wird es definitiv noch 100 Jahre dauern, bis auch wirklich mehr Frauen in Vorstandspositionen sind. Deswegen halte ich das in allen Bereichen für notwendig. Und es kam jetzt gerade bei Aufsichtsräten die neue Studie, dass sich dort der Frauenanteil zumindest ein bisschen erhöht hat. Oder bei Vorständen in DAX-Unternehmen, auch dort ist es nur passiert, weil es halt eine Quote gibt. Ich glaube nicht automatisch, dass Frauen das alles anders machen, aber ich finde schon, für eine Gesellschaft, die zur Hälfte aus Frauen und Männern besteht, ist es ein Teil des Wandels, dass wir dafür sorgen, dass Vorstände und jegliche Ämter in der Gesellschaft auch ähnlich vertreten sind, weil wir dann eben genau auch weibliche Perspektiven haben. Und auch bei Corona zum Beispiel hat man gemerkt, dass es dann eben die Frauen waren, die deutlich machen mussten, dass Familien krass unter dieser Situation leiden.

How do you balance your personal life and does that affect your relationship with some of your family members or friends? (Wie balancierst du dein persönliches Leben und hat dein Job Einfluss auf deine Beziehungen mit Freunden oder Familie?)

Also es ist auf jeden Fall so, also ich arbeite schon sehr, sehr viel. Ich glaube, das sind schon, wie ich schon vorher gesagt hatte, locker 60 Stunden. Man muss schon so einen Hang dazu haben, so ein bisschen Workaholic zu sein. Also es gab auch schon Tage, wo ich abends nach Hause gelaufen bin und gemerkt habe, ich habe gerade zwölf Stunden durchgearbeitet, voll krass. Und das kann man auch mal so ein bisschen machen, gerade wenn es einem Spaß macht. Und die Arbeit ist ja meistens auch tatsächlich abwechslungsreich, dass man mal, was ich jetzt gerade mache, irgendwie ein Unternehmen besucht und sich anschaut, wie funktioniert das mit der Solarthermie. Und dann wieder Reden hält oder E-Mails bearbeitet. Aber nichtsdestotrotz ist es schon ein großer Load (Last), wo ich auch gemerkt habe, man muss aufpassen, dass man sich genug Freizeit nimmt. Weil jetzt gerade in den letzten Wochen vorm Sommer merkt man auch richtig, dass im Landtag alle gestresst sind. Und ich hatte jetzt tatsächlich so zwei, drei Abende, wo ich freitags nach Hause gekommen bin und mich einfach nur auf die Couch gelegt habe und nichts mehr gemacht habe, weil ich gemerkt habe, ich war körperlich so kaputt. Und allgemein würde ich daher sagen, dieses Vorurteil von: „das sind alles faule Politiker“, kann ich nicht bestätigen. Also es gibt sicherlich welche, die machen mehr und es gibt welche, die machen weniger. Aber ich würde sagen, allgemein ist das Problem in der Politik vielmehr, dass Menschen überarbeitet sind und dass man so viele Entscheidungen treffen muss, so viele Informationen aufnehmen muss, dass man da halt eigentlich gar nicht mehr vor wichtigen Entscheidungen die Zeit hat, das auch gründlich und reif zu überlegen, was ich viel wichtiger fände. Also von dem her ist es vielleicht auch in einer Fraktion wie Die Linke, die haben 30 Abgeordnete, noch mal was anderes als bei uns mit fünf. Also es ist natürlich klar, dass es einfach extrem viel Arbeit auf wenigen Köpfen ist, aber man muss auf jeden Fall gut damit umgehen. Ich mache einmal die Woche Yoga, das ist sehr gut. Und ich habe mir vorgenommen, nach dem Sommer mal wieder das Meditieren anzufangen, weil man ja wirklich merkt, Meditation hilft. Aber ich, wie viele Menschen auch, nicht konsequent genug dafür bisher war. Wir werden sehen, ob ich es diesmal hinbekomme, das regelmäßig zu machen.

Und gibt es sonst noch Wege, wie du mit Stress umgehst? Oder fühlst du dich dann auch manchmal so komplett überfordert? Oder ist es jetzt nach drei Jahren dann langsam irgendwie normal oder besser?

Also das Gefühl der Überforderung habe ich eigentlich meistens nicht, sondern grundsätzlich schon, dass ich weiß, was irgendwie getan werden muss. Ich weiß, dass man Abläufe auch mal gemacht hat, aber es ist halt eher so, man muss wirklich entscheiden, wo mache ich jetzt den Fokus drauf? Welche E-Mail kann ich jetzt gerade noch nicht beantworten? Man muss sich halt gut organisieren, aber es gibt dann auch mal irgendwie Phasen, die sind ein bisschen stressiger - Ausschusswochen - dann gibt es Wahlkreiswochen, da hat man dann auch mal wieder mehr Zeit und einen freien Abend und es ist schon ganz praktisch, also es balanciert sich irgendwie auch aus, würde ich sagen.

Mich hat noch interessiert, wie deine Aufgaben als Abgeordnete mit der Arbeit als Stadträtin zusammenpassen?

Also grundsätzlich passt es sehr gut. Ich bin im Stadtrat für Stadtentwicklung, Bau, Klimaschutz und Verkehr zuständig und das ist halt spannend, weil ich die Themen ja auch auf Landesebene habe und man dann sehen kann, wenn wir auf Landesebene ein Gesetz verabschieden, wie wirkt es auf Stadtebene oder man bekommt mit, was funktioniert hier nicht. Zum Beispiel bei dem Thema Stellplatzsatzung. In anderen Bundesländern können Städte eine Satzung machen bei Neubauprojekten, wie viele Parkplätze noch gebaut werden. Das ist was, wo wir Grünen natürlich sagen, Klimakrise und Mobilität der Zukunft: „bei neuen Wohnungen braucht nicht mehr jede Wohnung zwei Stellplätze“, weil wir davon ausgehen, dass in Zukunft Menschen weniger ein eigenes Auto besitzen und es vielleicht auch besitzen sollten. Und das lässt die Thüringer Bauordnung bisher nicht zu. Das ist zum Beispiel ein Thema, wo gerade das Infrastrukturministerium, jetzt auch endlich auf Landesebene, die Thüringer Bauordnung reformiert. Deswegen hilft es grundsätzlich schon, auf jeden Fall da die kommunalen Probleme und Herausforderungen mitzubekommen. Man hat dann wieder beide Ämter, die Zeit in Anspruch nehmen. Aber so weit macht es Spaß. Der Stadtrat ist auch natürlich weniger arbeitsintensiv, weil der ehrenamtlich ist und es dort alle ehrenamtlich machen.

Könntest du dir generell vorstellen auch im Bundestag zu arbeiten?

Die Frage kommt tatsächlich erstaunlich häufig. Ich habe es tatsächlich bisher nicht vor. Man weiß nie, wo einen das Leben hinbringt. Ich glaube, vor zehn Jahren hätte ich dir auch nicht sagen können, dass ich jetzt in der Funktion hier sitze. Aber ich sehe zurzeit vor allem die ganzen Herausforderungen, die wir hier in Thüringen haben, mit Blick auf erneuerbare Energien, aber auch mit Blick auf die Demokratie, wo ich sagen muss, ich habe das Gefühl, ich kann hier als Laura genug für meine Themen bewegen und voranbringen. Und Bundestag ist dann natürlich auch nochmal, das ist in Berlin, du hast dann noch mehr Fahrzeiten, noch weniger Zeit für Familie und FreundInnen hier. Bisher brauche ich es nicht. Du triffst im Bundestag natürlich irgendwo bedeutendere Entscheidungen. Gerade so Themen wie ökonomische Verteilung, wie viel Geld haben auch ärmere Menschen hier in Thüringen zur Verfügung. Das entscheiden wir im Landtag nicht und haben da kaum Einfluss drauf. Das kann man nur im Bundestag ändern. Andererseits muss ich sagen, ist der Bundestag auch so riesig. Also er soll ja jetzt verkleinert werden, aber auch bei 600 Abgeordneten finde ich das spannend, weil du bist, glaube ich, auch viel weniger wirkmächtig. Bei uns in der Fraktion mit fünf Leuten, dann überzeugst du zwei deiner Kolleginnen und hast praktisch die Fraktionsmehrheit und kannst da relativ easy mitentscheiden, wo es lang geht. In der Fraktion wie bei Grünem Bundestag mit 120 Leuten sind das echt auch nochmal ganz andere Abläufe. Das ist sicherlich auch spannend, aber für mich persönlich bin ich im Thüringer Landtag gerade zufrieden und habe vor allem auch das Gefühl, gerade mit dem Rechtsruck und mit unserer starken AfD habe ich hier genug zu tun, ein bisschen die Faschos im Griff zu haben und zu versuchen, progressive Politik zu machen.

Ich habe gesehen auf deiner Internetseite, laura-wahl.net, hast du deine ganzen Finanzen offengelegt, also alles transparent gemacht. Da haben wir uns gefragt, warum hast du das gemacht und gibt es eine Verpflichtung, das zu machen oder machen das andere auch so?

Als Grüne würden wir gerne, dass alle PolitikerInnen das verpflichtend offenlegen sollten, weil man muss ja echt sagen, gerade bei der CDU als während Corona wieder Maskendeals liefen, wo die noch hunderte von tausend Euro nebenher verdient haben. Bei Bündnis 90 Die Grünen haben wir intern eine Regelung, dass wir das möglichst transparent gestalten wollen und deswegen haben wir immer die Rubrik Gläserne Abgeordnete, wo wir eben offenlegen, was wir da als Abgeordnete an Diät bekommen, was wir spenden, wenn man noch Aufsichtsratmandate hat, wie das jetzt bei mir über den Stadtrat. Finde ich grundsätzlich richtig, weil wir bekommen ja alles auch aus Steuergeldern und dann dürfen Menschen auch wissen, was wir bekommen und es wäre schon sehr, sehr hilfreich, wenn auch alle aufdecken müssen, gerade welche Firmen man noch so hat und so, weil gerade bei Konservativen mit Blick auf Klimapolitik ist es ja schon nicht irrelevant, wenn man dann immer wieder liest, in welchen Gaslobbyverbänden und mit welchen Unternehmen, die halt ihr Geld machen und dann wunderst du dich auch nicht, warum die eben keine Klimapolitik machen, sondern da den fossilen Status aufrechterhalten. Von daher ist das bei uns der Standard. Und ich bin auch freiwillig gesetzlich krankenversichert. Es wäre für uns tatsächlich günstiger, privat versichert zu sein, aber eigentlich kämpfen wir ja auch für eine Bürgerversicherung, also eine Versicherung für alle, dass man nicht mehr dieses privat-öffentliche System hat und deswegen bin ich zum Beispiel auch da bei der AOK einfach normal mit drin.

Die Linken, die haben einen Fond, die Alternative 54, genaueres weiß ich nicht, aber da ging es wohl mal darum, dass bei einer oder mehreren Diätenerhöhungen ein gewisser Anteil da reingezahlt wurde und ich weiß, da konnten Anträge gestellt werden da ein bisschen Geld zu kriegen, zum Beispiel auch bei Anliegen im Zusammenhang mit Geflüchteten oder so. Mich interessiert: haben die Grünen auch so einen Topf?

Während Corona zum Beispiel, da haben ja ganz viele Abgeordnete im Landtag ihre Diät gespendet, das haben wir auch gemacht und alle von uns spenden auch regelmäßig an Vereine und Verbände, aber tatsächlich haben wir als Grüne bisher nicht so einen Fond. Da müsste ich mal länger drüber nachdenken, ob ich das eine gute Idee fände oder nicht. Grundsätzlich finde ich es charmant, wobei ich behaupten würde, dass wir wahrscheinlich auch gemeinsam relativ viel spenden. Ich weiß, dass die Linken das machen, das ist auch für die eine gute Sache, weil die halt immer bei Vereinen mit einem Check ankommen können. Das ist gar nicht sozusagen unter dem Aspekt eine verkehrte Maßnahme, aber haben wir tatsächlich bisher noch nie gemacht. So ganz warum, weiß ich jetzt ehrlich gesagt auch nicht. Ich lasse es mal in meinem Kopf reifen, ob ich das mal vorschlagen sollte der nächsten Fraktion.

Aber ich finde tatsächlich nur einen Aspekt, da haben die Linken ja tatsächlich eine andere Auffassung, das Thema Diäten. Der Bundestag legt ja meines Wissens die Diäten selbst fest. Im Landtag ist es so, dass es an die allgemeine Einkommensentwicklung in Thüringen gekoppelt ist. Also wenn die Gehälter extrem steigen, steigen auch die Diäten. Wenn die theoretisch mal statistisch sinken würden, würden auch die Diäten sinken. Und ich finde es eigentlich ein relativ gutes System, weil dann halt die Abgeordneten nicht selbst darüber entscheiden, was sie bekommen, sondern es halt sozusagen objektiv festgelegt wird. Und das finde ich eigentlich ein transparenteres und besseres System als woanders, auch wenn man natürlich über die Höhe immer streiten kann, ob die gerechtfertigt ist oder nicht. Thüringen, muss man tatsächlich wissen, hat glaube ich mit die niedrigste oder zweitniedrigste Diät unter den Vollzeitparlamenten, aber Thüringen gehört ja auch leider nicht zu den Gutverdienerländern, deswegen ist es absolut gerechtfertigt.

Die Zeit geht langsam dem Ende entgegen. Ich weiß nicht, ob man diese Frage so einfach beantworten kann, aber mich würde ja noch mal interessieren, wie sieht eigentlich so ein normaler Tag für dich als Abgeordnete aus, also von morgens aufstehen bis abends ins Bett gehen?

Ja, also ich stehe tatsächlich mittlerweile meistens um 7.15 Uhr auf. Das ist meine Zeit, die sich rauskristallisiert hat. Ich hatte davor eine Zeit lang auch mit meinem Freund, der ist Karosseriebauer, der steht immer um dreiviertel sechs auf. Ich bin tatsächlich eher der Langschläfer-Typ und brauche das, was aber auch, glaube ich, okay ist, weil meistens Veranstaltungen dann abends trotzdem bis zehn gehen und du kannst eh nicht irgendwie rund um die Uhr arbeiten. Deswegen meistens 7.15 Uhr irgendwie aufstehen, frühstücken, Zeitung lesen und um neun Uhr gehen meistens Termine los. Wenn ich mir jetzt zum Beispiel Mittwoch nehme, da haben wir Fraktionssitzungen. Also jeden Mittwoch haben alle Fraktionen im Landtag immer eine Fraktionssitzung, die geht drei Stunden, wo wir die aktuelle Situation diskutieren, wo wir Gesetzesentwürfe und Anträge diskutieren, die gestellt werden. Dann würden wir in die Kantine des Thüringer Landtags gehen, die leider meistens immer noch kein veganes Gericht, aber meistens immerhin mittlerweile zwei vegetarische Gerichte hat. Und an einem Mittwoch zum Beispiel alle fünf Wochen habe ich dann Umweltausschuss, wo die Umweltabgeordneten des Landtags kommen, wo wir auch die Gesetze und Anträge bekommen, die vom Plenum überwiesen werden, und das halt diskutieren. Und die Ausschüsse sind tatsächlich total unterschiedlich. Ganz selten gehen die mal zwei Stunden, manchmal gehen die aber auch sieben Stunden oder so, gerade wenn man noch eine Anhörung hat und ExpertInnen hat zum Thema Windenergie zum Beispiel, die dann alle erzählen, wie sie das finden. Und ja, meistens ist es dann auch schon noch so, dass ich abends irgendwie entweder bei einem Grünen Kreisverband bin oder wir eine eigene Veranstaltung machen. Und sonst grundsätzlich sind weitere Blöcke, dass man eben teilweise viel mit Verbänden auch im Gespräch ist, dass die in den Landtag kommen oder man die besucht, sich austauscht, was sind Forderungen, was sind gerade aktuelle Probleme, dass man eben eigene Veranstaltungen organisiert. Plenarwochen sind dann nochmal anders, weil man dann eben drei Tage Plenum hat. Wir haben zum Beispiel auch als MitarbeiterInnen da eine Runde gemacht, wo wir uns austauschen, was steht an, was muss gemacht werden. Also allgemein sehr vielfältig, aber es ist schon auch viel irgendwie ein Schreibtischjob oder ein Sitzjob, wo man Dinge diskutiert. Wir haben auch Koalitionsarbeitskreise, also unter Rot-Rot-Grün, wo dann die VerkehrspolitikerInnen gemeinsam mit der Verkehrsministerin auch alle fünf Wochen aktuelle Themen besprechen und wo man als Koalition gemeinsam hinwill. Das muss ja auch diskutiert werden.

Kommen wir nochmal zurück auf die Frauenquote, weil ich halte das auch für sehr wichtig, denn es muss immer VorreiterInnen geben. Wie ist es dann bei dir im persönlichen Umkreis? Hast du das Gefühl, dass du jetzt auch Freundinnen so ein bisschen mehr zumindest ins Gespräch politisch bekommst? Also bringen sie sich mehr ein, weil ich habe das Gefühl, wenn ich so manche Sachen mache, die eben vielleicht nicht so typisch Frau sind, dass dann auf jeden Fall in meinem Umkreis doch schon mehr Interesse besteht und dadurch natürlich mehr Frauen auch dazu bewegt werden.

Also ich glaube schon, dass da die Vorbildwirkung eine super Wichtige ist. Ich merke das ja auch bei mir, dass ich eben dann auf ältere Frauen im Landtag schaue und wie die das machen und das dann meistens cool finde und so ähnlich mache. Tatsächlich würde ich sagen, in meinem privaten Umkreis versuche ich eigentlich, meine engsten Freunde gar nicht so irgendwie dazu zu bringen, bei den Grünen einzutreten, weil ich das eigentlich ganz schön finde, wenn du irgendwo noch so einen Space hast, der nicht mit den Grünen oder Politik zu tun hat. Aber allgemein, also ich nehme das schon auch so wahr, dass es die Vorbilder eben braucht und dass man sich da ja immer gegenseitig empowert. Insbesondere auch in der Grünen Jugend oder auch in der Grünen Partei, dass man eben grundsätzlich darüber diskutiert, warum brauchst du eigentlich noch Feminismus und wie funktioniert das Patriarchat, da einfach immer wieder auch sich zu vergegenwärtigen, an wie vielen Stellen es da noch Ungleichheiten gibt, halte ich schon auch für wichtig, um irgendwie dagegen angehen zu können und das nicht einfach zu akzeptieren. Und das finde ich gerade teilweise schon erschreckend. Wir hatten die Forderung ja aufgestellt, feministische Stadtentwicklung in Erfurt voranbringen, zum 8. März stand es groß in der Zeitung und es hat ein bisschen Wellen geschlagen, weil sich da so ein paar Männer irgendwie auf den Schlips getreten gefühlt haben und dann gab es tatsächlich auch bei uns Diskussionen, ob wir das jetzt noch Feminismus nennen wollen oder nicht, wo ich so denke: „Schaut euch die Situation an und Feminismus muss auch irgendwo Ziele haben, die andere Menschen gegen sich aufbringen, weil wenn wir Larifari-Ziele hätten, die niemanden nerven, dann sind es auch nicht Ziele, die irgendwie was verändern.“ Deswegen finde ich das super schön, wenn man irgendwie mit FeministInnen im Gespräch ist und da so Safe Spaces hat, wo man einfach weiß, Menschen sehen das ähnlich und haben irgendwie eine kritische Geschlechteranalyse von Gesellschaft und man versucht da ein bisschen was voranzubringen.

Ich habe neulich so ein schönes Video gesehen, wo eine meinte, Frauen dürfen heute Hosen und Röcke tragen und können irgendwie bossy sein und emotional und haben gefühlt viel mehr Freiräume als Männer. Und dann meinte sie: „ja, liebe Männer, wir haben jetzt halt auch 60 Jahre Frauenbewegung hinter uns, wo Frauen sich diese Freiräume erkämpft haben in der Gesellschaft. Vielleicht solltet ihr auch mal irgendwie anfangen, männliche Rollenbilder in Frage zu stellen.“ Und das fand ich sehr, sehr passend, weil es eben auch so zeigt, warum auch Männer ein Interesse daran haben sollten, toxische Männlichkeitsbilder aufzubrechen und ja, auch für sich Freiräume zu erkämpfen, wo man auch mal emotional sein darf und weinen kann.

Das ist ein schönes Schlusswort. Einen ganz, ganz lieben Dank an dich Laura!